Laterne, Laterne

Tochter 1 genießt die Auszeit, aber ein paar Sachen vermisst sie natürlich dennoch, allen voran ihre Freunde aus der Kita. Die Kinder, die wir unterwegs treffen, sind ja nur für kurze Zeit Spielgefährten und sprechen meist kein Deutsch. Was tun?
Um vorab ein paar Kontakte zu knüpfen, habe ich als unser Reiseziel Rom feststand, den deutschen Kindergarten (ja, so etwas gibt es hier, direkt bei der deutschen Schule!) angeschrieben und nachgefragt, ob die vielleicht immer zum gleichen Spielplatz gehen. Ich bekam eine äußerst nette Antwort und die Einladung, doch zum Laternenumzug zum Martinsfest mit Tochter 1 vorbei zu kommen. Man muss wissen: in unserem heimischen „Dorf“ im Herzen Hamburgs ist für die Kinder der Laternenumzug eines der Highlights im Jahr. Wochen vorher werden fleißig Laternen gebastelt und die entsprechenden Lieder geübt. Jede Kita hat einen eigenen Laternenumzug, wer will, kann also locker an 5 oder 6 Laternenumzügen teilnehmen. Mal mit Spielmannszug, mal ganz beschaulich mit mehr oder weniger textsicherem Gesang, oder – wie von der Kita von Tochter 1 – erst mit einem Gottesdienst mit Schauspiel der Schulkinder und anschließendem Laterne-Laufen durch St. Georg mit einem St. Martin auf dem Pferde vorweg. Die Herzdamengeschichten erklären dies ausführlich, da bedarf es keiner weiteren Ergänzung.
Als ich Tochter 1 nun berichtete, dass es auch in Rom einen Laternenlauf gäbe: helle Begeisterung im Kindergesicht. Schon in Venedig sind wir dann ins Papierfachgeschäft gelaufen, um Tonpapier, Pergamentpapier, Klebe und alles weitere zu kaufen, was man eben so braucht, wenn man eine Laterne basteln will. Mit dem wirklich gelungenen Laternenexemplar machen Tochter 1 und ich uns dann auf den Weg zur deutschen Schule.

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Leider habe ich das Bus-Tram-U-Bahnnetz hier noch nicht so ganz durchdrungen und die Deutsche Schule ist nur durch mehrfaches Umsteigen erreichbar. Aber nicht dass Ihr glaubt, dass wenn man einen Bus verpasst, der nächste an gleicher Stelle nur 10 Minuten später fährt. Nein, der ATAC, der römische ÖPNV, schlägt mit immer neue Starthaltestellen vor. Es fängt an zu regnen, wir nehmen ein Taxi. Bei der deutschen Schule angekommen erschlagen mich zunächst die Menschenmassen. Denn es steht, wie ich feststelle, nicht nur das Laterne-Laufen auf der Agenda, sondern auch ein Schulfest. Die Schule (samt Kindergarten) ist riesig. Eigenes Schwimmbad, Tennis- und Fußballplätze, soviel ich auf den ersten Blick sehen kann, und um die 900 Schüler, die zum Fest mit Eltern, Geschwistern und wem-auch-immer gekommen sind. Ab 17 Uhr sammeln sich dann alle vor der Schule und zünden die Laternen an. Nach etwa 20 Minuten werden die Laternen wieder ausgepustet, weil der erste Gang durch die Schulflure geht. Brandschutz! Dann sammelt man sich erneut, um den Sportplatz herum. Laternen wieder an. Und siehe da: St. Martin mit leuchtender Rüstung, einem roten Mantel auf einem wunderschönen schwarzen Pferd. Alle schauen gebannt zu. Irgendwo ganz weit weg spielt ein Mann auf einer Gitarre die typischen Laterne-Lieder. St. Martin reitet nun auf dem Sportplatz umher, da kommt auch schon der Bettler. Und was macht St. Martin? Er reitet an dem Bettler vorbei, um den Bettler herum, vor dem Bettler weg. Hinter dem Bettler her. Sein Pferd kann wirklich grandiose Sachen, es hüpft auf der Stelle, trabt seitwärts und dreht sich auf der Hinterhand. Nach 30 Minuten fragt Tochter 1, wann St. Martin denn wohl gedenke, mit dem armen Mann mal seinen Mantel zu teilen. Außerdem möchte sie wissen, wann denn eeeeendlich das Laterne-Laufen losgehe. Ich frage eine Mutter neben mir. (Also nur nach dem Laterne-Laufen). Diese antwortet mir: „Also gelaufen wird hier gar nicht. Wissen Sie, dass hat die letzten Jahre ja so gar nicht geklappt, da gibt es eben nur dies Martinsspiel.“ Tochter 1 ist enttäuscht und will nach hause. Ob der Bettler jetzt noch ein Mantelteil bekommt, ist ihr egal, denn sie friert selber. Wir machen uns also auf den Rückweg, ich denke, ich bin schlau und lasse ein Teenager-Mädel der Schule bei dem örtlichen Taxibetrieb anrufen und mir ein Taxi bestellen. So stehen wir nun und warten. Es fängt an zu regnen. Taxi um Taxi zieht an uns vorbei, alle winken ab, oder sind für andere vorbestellt. Dann endlich, ein Taxi naht. „No. 35?“ frage ich, der Taxifahrer bejaht, ich schiebe Tochter 1 ins Taxi, nur um unverzüglich von einer älteren italienischen Signora beschimpft zu werden, die gefährlich mit ihrem Regenschirm schwenkt. Der Taxifahrer hatte sich leider verhört, es war Taxi No. 45 und für die Signora reserviert, die mir wohl am liebsten eins mit ihrem Schirm verpasst hätte. Nach 40 Minuten im Regen rufe ich dann noch mal selbst bei der Taxizentrale an, die mir mitteilt, dass das Mädchen, das für mich da angerufen hatte, wohl zu schnell aufgelegt hatte, sodass die Fuhre wieder storniert worden war. Ein neues Taxi wird mir zugesichert, dass aber nach weiteren 20 Minuten noch nicht da ist. Mittlerweile gewittert es und Tochter 1 muss mal auf´s Klo. Ich laufe dem nächsten Taxi, das ich sehe, fast vor´s Auto, als ich feststelle, dass da schon jemand auf dem Beifahrersitz sitzt. Mist! Doch der Fahrer fragt mich, wie viele Personen wir seinen und wohin wir wollten. Wir dürfen einsteigen. Das auf dem Beifahrersitz ist die Frau vom Taxifahrer, die ihn wohl meist begleitet. Leider kennen weder er, noch seine Frau oder gar sein Navi unsere Straße. Macht nix. Ich reiche ihnen mein Handy mit Google-Maps nach vorn. Sie verstehen zwar die deutschen Anweisungen von Samantha nicht, aber die Frau des Taxifahrers lotst ihn dank der Straßenkarte tatsächlich auf dem kürzesten Weg nach Trastevere. Zuhause angekommen kippen wir das Wasser aus den Schuhen. Von Laterne-Stehen hat Tochter 1 jetzt erstmal die Nase voll.

2 Gedanken zu „Laterne, Laterne

  1. Ach herjee.. was ein Tour. Das tut mir ja leid fürs Töchterchen, das es nun so gar nicht groß mit der Laterne laufen konnte. Die übrigens wirklich sehr hübsch ist. Ich glaube, meine sahen immer eher wie ein Unfall aus 🙂

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  2. Liebe Franzi,
    herrliche Story! Jetzt seid ihr ha wieder erht und trocken und ich kann zugeben, dass ich mich schlapp gelacht habe!
    Ich hab da mal eine Anfrage an euch! Die schicke ich als PM 😉
    Liebe Grüße und Ciao
    Caddi

    Gefällt 1 Person

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