Umgangsformen

Eine Freundin, die wir in Venedig kennengelernt haben, sagte, je weiter man in Italien nach Süden komme, umso wilder führen die Italiener Auto, umso schwerer sei das Italienisch zu verstehen und umso ruppiger seien die Italiener im Umgang mit ihren Mitmenschen. Was das Autofahren betrifft, kann ich klar zustimmen. Ob das Italienisch hier schwerer zu verstehen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Mein Italienisch ist eher mager, ich habe in Venedig genauso viel oder auch genauso wenig verstanden, wie hier in Rom.
Der Umgang der Menschen miteinander aber ist hier wirklich bemerkenswert, denn er ist sehr ambivalent. Während mir in der Straßenbahn beim Einsteigen mit Tochter 2 mehrere Menschen ihren Platz anbieten, lässt mich in genau derselben Straßenbahn keiner beim Aussteigen mit dem Kinderwagen durch, sodass ich beinahe ungewollt eine Station weiter fahren muss. In vielen Geschäften wird Freundlichkeit nicht unbedingt groß geschrieben, der Kunde scheint Störfaktor, und „Per favore“ und „Grazie“ scheinen unnötige Zeitdiebe zu sein. In anderen Geschäften erlebt man den totalen Gegensatz: Kunden werden mit Schatz („Tesoro“) angeredet, mir wird als „Amore“ ein schönes Wochenende gewünscht, und ein Kassierer sagte zu einem Mann mittleren Alters „auf Wiedersehen, Liebster“ („Arrivederci Carissimo“). Ich stelle mir vor, wie sich der Mann an der Supermarktkasse in Hamburg wohl verhalten würde, wenn ich ihn Schatz nennen würde. Oder wie würde in Hamburg ein „ganzer Kerl“ reagieren, wenn beispielsweise der Tankwart zu ihm sagen würde „Ein Schönes Wochenende, Liebster“?
Aber die Römer sind wie gesagt nicht immer auf Kuschelkurs, sie brüllen sich auch gerne mal an. Bei uns im Hause wohnt Lorenzo, er scheint ein ganz schön schlimmer Finger zu sein, denn nahezu täglich ergeht sich eine Frauenstimme in – wie es scheint – wilden Beschimpfungen. Wir liegen jetzt gespannt auf der Lauer, wer denn wohl dieser Lorenzo ist. Denn bislang wissen wir nicht, ob er fünf oder doch schon fünfzig ist und was er denn so treibt, dass er so ausgeschimpft wird. Tochter 1 ergeht sich in wilden Mutmaßungen. Aber vielleicht betreibt Lorenzo auch einfach ein kleines Geschäft in der Nähe, und nennt nach Meinung seiner Frau zu viele Kundinnen Amore oder Tesoro.

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