Kinder, Erziehung und John Glade

Alte Freunde lernt man ganz neu kennen, wenn sie Kinder bekommen. Und dabei meine ich nicht dieses typische Gejammere à la „ich sehe meine Freundin kaum noch, seit sie Mutter ist“. Nein, ich meine die unterschiedlichen Erziehungsstile. So manches hätte man doch im Vorfeld nicht erwartet? Da darf das Kind den selbst gebackenen Sandkuchen essen, dort helikoptert Mama gleich mit den Sagrotan-Tüchern vorbei. Die einen zucken nur mit den Achseln, wenn das Kind zur Verkäuferin im Laden „blöde Kuh“ sagt, bei den anderen muss das Kind auf die stille Treppe, wenn es was angestellt hat. Das ist in Deutschland so, das wird auch hier so sein. Ich war anfangs bei Tochter 1 sicher auch etwas überbeschützend, tatsächlich wird man mit der Zeit etwas entspannter.

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Und so versuchen wir, Tochter 1 zur Selbständigkeit zu erziehen. Sie ging in Venedig -ihr wisst´s schon – jeden Morgen allein zum Bäcker. Stolz wie Oskar kam sie immer mit der Brötchentüte zurück. Das geht in Rom nicht, das ist klar, bei den wilden Autofahrern hier kann man kaum einen Erwachsenen ohne Warnweste auf die Straße lassen. Aber es gibt natürlich noch andere Möglichkeiten, das Kind seine Selbständigkeit erproben zu lassen. So war ich mit Tochter 1 in einer Fußgängerzone in einem Schreibwarengeschäft während Mann und Tochter 2 draußen auf und ab gingen. Nun sollten wir aber für den Mann Briefumschläge mitbringen. Es gab kleine und große, dicke und dünne. Also bat ich Tochter 1 doch mal eben zu Papa zu gehen und nachzufragen. Sie ging los – doch sie kam nicht weit. Eine ältere Dame schnappte sich am Eingang ihren Arm, sagte ziemlich fordernd „Dov´è Mama?“ und schleppte sie zu mir zurück. C´è pericoloso! Es ist gefährlich! sagte sie zu mir und die ebenfalls ältere Verkäuferin fragte mich sogleich, ob sie die Türe lieber schließen solle. Naja, so sind sie, die älteren Damen, dachte ich… Doch schon kurze Zeit später, als sich Tochter 1 am Kiosk eine Kaugummisorte aussuchen durfte, ereilte uns die gleiche Situation erneut. Da ich mich sträflicherweise etwa drei Meter von meiner Tochter entfernte, musste ich eine Schimpf- und Belehungstirade einer diesmal jüngeren Dame über mich ergehen lassen. „Gefährlich!“ und „Kidnapping!“ wiederholte sie mehrfach. Tochter 1 wollte natürlich wissen, was die Frau zu mir gesagt hat. Da ich sie nicht mit Schauermärchen erschrecken wollte, erzählte ich ihr, ich hätte die Dame nicht verstanden. Daraufhin empfahl mir Tochter 1, doch Google John Glade (alias Google Translate) zu Rate zu ziehen. Den Höhepunkt erreichte die italienische Fürsorge jedoch auf dem Weihnachtsmarkt, wo mich der Kontrolleur auf dem Kinderkarussell verpflichtete, während der gesamten Fahrt neben Tochter 1 stehen zu bleiben. „Nein!Kinder dürfen nicht allein mitfahren. Mama muss mit!“ Tochter 1 sagte dazu nur „Sei nicht traurig Mama, das nächste Mal kaufen wir dir auch eine Fahrkarte, dann darfst du auch auf ein Pferdchen. – Na da werd ich erstmal mit John Glade den Karussellbetreiber fragen, ob das denn wohl erlaubt ist.

2 Gedanken zu „Kinder, Erziehung und John Glade

  1. :-), da muss ich ja glatt an den „wildgewordenen“ Mann denken, der uns beide bei der Domkirche so angeschnauzt hat, als wir die Kinder kurz unbeaufsichtigt um die Ecke laufen lassen haben…der war auch Italiener

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