Das Weihnachten meiner Kindheit

Advent, Advent. Jetzt leuchten schon drei Kerzen am Adventskranz, wir waren beim traditionellen Singen zur „Illumination des Tannenbaumes“ bei unserer Kita, haben Plätzchen gebacken und einen Baum gekauft. Puh! Tochter 1 probt fleißig für das Krippenspiel, bei dem sie in diesem Jahr zum ersten Mal mitmachen darf. Während die Kinder diesen Weihnachtszauber und vor allem den Adventskalender lieben, habe ich das Gefühl, das Ganze rauscht mit ICE-Geschwindigkeit an mir vorbei.
Früher war doch alles…. Aber war Weihnachten früher tatsächlich geruhsamer und entspannter? Bei uns in der Familie wohl kaum, auch wenn ich als Kind die Weihnachtszeit sehr geliebt habe. Ich habe Weihnachten immer mit meiner Mutter und meinen Großeltern gefeiert, im Wochenendhäuschen meiner Großeltern auf dem Land zwischen Kühen und Schafen. Das klingt jetzt mal sehr kuschelig, aber da gibt es noch eine wichtige Sache zu sagen: Was anderen Leuten Freitag der 13. ist, war für meinen Opa der 24. Dezember. Kaum ein Heiligabend verging bei uns ohne Katastrophen und so mancher endete gar in der Notaufnahme.

Meine Großeltern hatten damals zusammen mit meiner Mutter ein Bekleidungsgeschäft mitten in St. Georg. Am 24. war bis zum Mittag noch geöffnet, für alle, die es bislang versäumt hatten, die obligatorischen Krawatten und Socken zu kaufen. Alle Angestellten waren da und meine Oma hatte zudem noch Geburtstag. Kunden kamen, Gratulanten kamen, zum Essen gab´s Kartoffelsalat und Würstchen, letztere standen zum Warmhalten auf der Heizung. Kaum war Mittags der Laden zu, stiegen wir alle ins Auto und fuhren ins Grüne. Angekommen ging unser erster Weg zum Bauern, um unseren vorbestellten Tannenbaum abzuholen. In einem Winter, ich erinnere mich gut: lange Gesichter. Wir hatten es versäumt, den Baum vorzubestellen. Es war keiner mehr da. Oder doch? Hinten in der Ecke stand ein kleines schiefes Tännchen und wollte mit. Nun, wir hatten einen prima Tannenbaumständer. „Das geht schon“, sagte Opa. Und tatsächlich schaffte er es, das Bäumchen aufzustellen. Wir schmückten es mit Kugeln, Figuren, Lametta und Kerzen. Herrlich sah der Baum aus. Und dass er nicht so gerade gewachsen war, fiel gar nicht mehr auf – Bis er sich langsam und anmutig in die Gardinen neigte, die kurz darauf lichterloh in Flammen standen. Zum Glück war meine Oma eine sehr patente Frau und hatte stets einen großen Eimer Wasser neben dem Tannenbaum stehen, so dass sich der Schaden in Grenzen hielt.

2015-12-16_10-48-32-edited

Im darauffolgenden Jahr kamen wir gar nicht so weit, gemeinsam unterm Baum zu sitzen. Denn als wir ankamen, schob mein Opa das Garagentor schwungvoll hoch, das genauso schwungvoll zurückschlug. Den Großteil dieses Heiligabends verbrachten wir in der Notaufnahme.

Aber wir waren lernfähig. Es folgte ein Weihnachten mit elektrischen Kerzen und der Wagen wurde draußen geparkt. Risikominimierung an Heiligabend! Endlich konnten wir uns mal auf das Beisammensein und die Geschenke konzentrieren. Die Schwester meines Opas hatte ihm etwas ganz besonderes ausgesucht: einen englischen Schaukelstuhl, der extra per Schiff aus England kam. Dick gepolstert und mit Cord bezogen, ein schickes Teil. Da er einige Zeit vor Heiligabend angeliefert worden war, versteckten meine Oma und meine Mutter ihn in der Garage. An Heiligabend wurde das gute Stück, das in Packpapier verhüllt und mit einer großen Schleife versehen war, nun reingeholt. Und während mein Opa sein tolles Geschenk auspackte, sprang eine kleine Schar panischer Mäuse raus, die sich in ihrem neuen Zuhause gestört fühlten. Wir sprangen auf´s Sofa und schrien. Den restlichen Abend waren wir auf Mäusejagd, aber es dauerte sehr lange, bis wir sie alle hatten.

So waren die Weihnachten meiner Kindheit. Wir setzten die Tradition nun in dem kleinen Häuschen im Grünen fort. Hoffen wir mal, dass es nicht ganz so turbulent wird wie früher.

 

Kalt und nass

Es ist Vorweihnachtszeit. Und wäre diese als solche nicht schon anstrengend genug, ist es kalt und nass. Um mit beiden Kindern das Haus zu verlassen, brauche ich eine gefühlte Stunde. Kaum habe ich die Kinder in die Zwiebel-Lagen-Bekleidung gestopft, Strumpfhose, Jeanshose und je nach Niederschlagsart Schnee- oder Regenhose darüber – eine Ausrüstung, die Roald Amundsen bei seiner Polarexpedition sicherlich vor Neid hätte erblassen lassen – sagt Tochter 1: „Mama, ich muss doch noch mal schnell auf´s Klo.“ Herrlich. Also alles wieder ausziehen. Mir ist mittlerweile in meiner Winterjacke so heiß, dass ich kurz überlege, ob jetzt vielleicht doch eher Flip Flop-Wetter ist. Für Eltern zumindest.

Tochter 1 ist wieder da, wir können los. Eigentlich. Würde sich Tochter 2 nicht mit aller Kraft am Fahrrad von Tochter 1 festklammern, dessen Sattel sie stolz erklommen hat. Erstaunlich, wie viel Kraft man mit anderthalb schon haben kann. Hebe ich Tochter 2 hoch, hängt unten ein Fahrrad dran. Mit Argumentation ist ihr nicht beizukommen, sie schüttelt nur immer wieder den Kopf. Also muss ich vorsichtig die Fingerchen einzeln abpulen und bestenfalls etwas  von Interesse anbieten – vorzugsweise etwas zu essen und das vorzugsweise in herzhaft. Leider habe ich nicht immer Kapern oder ein Stück Parmesankäse in der Handtasche. Warum eigentlich nicht? Das muss ich optimieren, das kommt auf die To Do-Liste.

Gut, Tochter 2 ist wieder frei, wir können los. Ich schaue auf den Kinderwagen. Jetzt die Kleine anschnallen und in den Fusssack stecken? Bei dem bloßen Gedanken daran wird mir schon wieder warm. Sollte jemals ein Test zur Elterntauglichkeit eingeführt werden, müssen da unbedingt das Ankleiden eines quirligen Babies mit einem Strampler mit Druckknöpfen und das Anschnallen eines zappelnden Kleinkindes mit auf die Liste. Also falls jemand mal sowas plant, ich hätte da auch noch ein paar mehr Ideen.

Ich entscheide mich lieber für den Bollerwagen. Bollerwagen aus dem Haus getragen, beide Kinder rein und los geht´s. Endlich. Erst zum Spielplatz, dann zum Supermarkt. So sieht mein Nachmittag aus. Auf dem Weg komme ich an einem Glühweinstand und überlege kurz. Nein, alleine Glühweintrinken macht man nicht. Nach einer halben Stunde auf dem kalten Spielplatz frage ich mich, warum eigentlich nicht?
Tochter 2 ist derweil hingefallen und liegt in ihrer Michelin-Männchen-Winterausrüstung wie einer Käfer auf dem Rücken und versucht, wieder aufzustehen. Ich sammle die Töchter ein und ziehe den Bollerwagen zum Supermarkt. Dort angekommen schnappen sich die Mädchen jedes einen Kindereinkaufswagen. Während Tochter 1 mit meinem Handy in der Hand die Einkaufsliste abarbeitet, packt Tochter 2 alles in den Wagen, was ihr gefällt. Kollateralkäufe in Form von Teelichtern und Servietten bei Ikea sind nichts dagegen.

Endlich verlassen wir vollbepackt den Supermarkt. Es geht wieder nach Hause. Und ich überlege kurz, ob der Weihnachtsmann dieses Jahr seine Einkäufe nicht mal selbst tätigen kann. Mir ist das echt zu anstrengend. Höchstens in Flip Flops und mit Glühwein. Dann könnten wir nochmal drüber reden.