Groß geworden

Unsere Zeit in England verging wie im Fluge, mussten wir sie doch wegen des geplanten Schwedensommers und der Zeckenimpfung etwas abkürzen, ihr wisst schon. Nun sind wir also in Deutschland, genauer gesagt in Schleswig-Holstein. Auch schön hier! Und so machen wir uns hier eine nette Zeit, bis es dann weiter ins Astrid Lindgren-Land geht.

Featured image
Und hier angekommen, fallen einem auf einmal lauter Sachen auf: Tochter 2 hangelt sich am Sofa entlang. Sie setzt sich aufs Bobbycar und fährt! Okay, zugegeben, noch fährt sie rückwärts, aber sie fährt! Tochter 1 ist groß geworden, denn die Sommerhosen haben kräftig Hochwasser. Und als ich mit ihr neulich in Supermarkt in der Gemüseabteilung stand, sagte sie „Mama, es ist doch komisch, dass die Mädchen bei Euch so schnell geschwommen sind. Normalerweise sind Jungs doch viel sportlicher.“ Ich habe erstmal gar nichts verstanden und musste es mir erklären lassen. „Naja Mama, wenn die Jungs schneller geschwommen wären, hättet ihr jetzt zwei Söhne und nicht zwei Töchter.“ Gut, verstanden. Man, ist die groß geworden.

Ein bisschen Sport muss sein

Das italienische Essen ist wirklich lecker, keine Frage. Und mein Mann kann auch so hervorragend kochen. Gefährlich! Denn jetzt hier, in Italien FDH zu machen oder zu fasten, ist keine Option. Also sollte man der Pasta mit ein wenig Sport entgegnen. Mein Mann macht das auch ganz fleißig, jeden zweiten Morgen steht er vor uns anderen auf, schmeißt sich in die Sportsachen und rennt los. Für mich ist das ja nichts. Ich hab es vor einiger Zeit mal ausprobiert, aber ich finde Laufen sowas von langweilig, dass ich mir während des Laufens immer schon Ausreden überlege, mit denen ich vor mir selber rechtfertigen kann, warum ich nicht weiterlaufe. Weitaus besser finde ich da spielerischen Sportarten wie Badminton, die aber auf Reisen ebenso schlecht zu machen sind, wie Kurse in einem Fitness-Studio. Also „turne“ ich vor dem Laptop. Ich stehe auf meiner blauen Yoga-Matte, ein Sporttrainer turnt mir via Youtube was vor und ich hoppel es nach. Allerdings unter erschwerten Bedingungen, denn vor mir hoppelt Tochter 1, die unbedingt mit turnen möchte. Während der Trainer nun also wilde Befehle wir „Single-Step-Touch!“ in den Raum ruft, zieht Tochter 1 erstmal die Socken aus, weil es ja sonst so rutschig ist. Dann läuft sie in ihr Zimmer, um sich Stopper-Socken zu holen, weil  ja sonst die Füße kalt werden. Tochter 2 robbt in der Zwischenzeit auch auf die Yoga-Matte und versucht, ein paar Flusen, die sie auf dem Boden gefunden hat, zu essen. Nachdem ich ihr diese abgerungen habe (vermutlich glaubt sie mittlerweile, sie heißt „Nein, das darf man nicht essen!“) weint sie und will auf den Arm. Der Trainer ruft seine Befehle unerbittlich weiter, ich hoppel nun mit Tochter 2  auf dem Arm. Tochter 1 ist mit den Socken zurück und braucht, nachdem ich ihr die aktuelle Schrittfolge erklärt habe,  – erstmal ein Glas Wasser. Eine Sporteinheit vergeht so wie im Fluge – so soll Sport doch auch sein. Und jetzt habe ich mir erstmal was richtig feines zu essen verdient. Am besten etwas Süßes für die Nerven.

Featured image

Land unter

Gestern war hier Land unter. Regen von oben, Böen von der Seite, Acqua Alta von unten. Eigentlich das richtige Wetter, um es sich Zuhause auf dem Sofa gemütlich zu machen.
Featured image
Oder eben, zu dem seit einiger Zeit vereinbarten Termin beim Kinderarzt zum Impfen von Tochter 2 zu waten. Schon früh morgens tönten die Sirenen, um das Hochwasser anzukündigen. In einigen Gassen und auf dem Markusplatz werden dann Holzstege aufgebaut, damit man zumindest auf einigen Wegen trockenen Fußes vorankommt. Wir haben uns also in unsere Friesennerze und Gummistiefel geschmissen, Tochter 2 in den Tragerucksack gesteckt und GoogleMaps bemüht, uns den  Weg zum Kinderarzt zu weisen. Und wir stiefelten los. Als Hamburger wissen wir, es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur unpassende Kleidung, also stemmten wir uns gegen den Wind und wateten durch die Wassermassen. Aus den Läden, an denen wir vorbeizogen, lief aus Rohren das Wasser wieder raus. Wir passierten Touristen, die sich auf die schnelle Plastiküberzieh-Stiefel in Pink und Orange gekauft hatten und durch die Gegend schlürften. Wir kamen in einen Teil der Stadt, in dem keine Holzstege mehr waren und das Wasser so hoch stand, dass Tochter 1 das Wasser bis zur Mitte der Oberschenkel ging, also musste auch sie getragen werden. Wathosen haben wir dann doch nicht. Dann teilte GoogleMaps mit „Sie haben ihr Ziel erreicht!“ – und wir standen vor San Polo 2903. Leider wollten wir aber zu San Polo 1837. In Venedig gibt es nämlich keine Straßennamen. Beziehungsweise, die paar, die es gibt, werden nicht benutzt. Venedig wird eben nur in seine 6 Stadtteile (Sestiere) eingeteilt und dann sind die Häuser durchnummeriert. Das ist, als würde man in Hamburg nach St. Pauli 4711 wollen. Also riefen wir den (sehr netten) Kinderarzt an, der uns übers Telefon zu sich dirigierte. Wir durchquerten Gassen, in denen uns das Wasser in die Gummstiefel lief und der Höhepunkt vom Hochwasser war doch noch nicht erreicht. Zuweilen musste man aufpassen, nicht einfach weiter geradeaus zu gehen, denn die Kanäle waren von den Gassen kaum noch zu unterscheiden.
Mit einiger Verspätung kamen wir beim Dottore an, der uns mit den Worten „Und ich dachte, ihr Deutschen wärt immer so pünktlich“ begrüßte. Da saßen wir nun im Sprechzimmer des Kinderarztes, die Füße bis zu den Knöcheln im Wasser. In der Praxis, wohlgemerkt! Der Arzt erzählte uns, dass die Leute bei noch stärkerem Hochwasser nur mit dem Boot in seine Praxis kämen. Während Tochter 2 uns diesen Ausflug wegen des Impfens eher übelnahm, fand Tochter 1 das Ganze großartig und spielte auf dem Nachhauseweg mit einer gefundenen Gemüsekiste und einem Seil Boot fahren.
Featured image
Sie will jetzt immer bei Acqua Alta raus. Aber sie wünscht sich eine Wathose. Unbedingt. Für den Fall, dass wieder Land unter ist.