Ein Dorf namens St. Georg

Unser Dorf hat uns wieder. Ich spreche immer von „unserem Dorf“, dabei ist es  einer der dicht besidelsten Stadtteile Hamburgs, direkt am Hauptbahnhof. Gefühlt befinden sich fast alle Hamburger Hotels hier in unserem Viertel, das in Reiseführern gern als „Stadtteil mit internationalem Flair“ beschrieben wird. Ständig sieht man verirrte Touristen umherlaufen, häufig old school mit einem Stadtplan in der Hand, gern Richtung Schwanenwik laufend auf der Suche nach der Elbe, wahlweise nach dem Rathaus. Und doch leben wir hier wie „auf´m Dorf“. Fast jeder kennt jeden. Nach Jahren mit Hund und nun schon ein paar Jahren mit Kind kennen wir jedenfalls die meisten Hundebesitzer und die meisten Eltern. Die Betreiber der Läden sowieso. Denn in St. Georg unterstützt man die alten und kleinen Geschäfte. Wir geben die Wäsche bei Martina ab, kaufen bei Jan den Wein und bei Wohlers die Bücher. Wir essen bei Franco, frühstücken bei Caravela und treffen uns nachmittags auf dem Spielplatz. Unsere Kinder gehen zusammen in die Kita oder singen gemeinsam im Chor. So soll sich das anfühlen. Von wegen Anonymität in der Großstadt. Herzlichkeit und Wärme lautet die Devise. Und so finde ich es ganz großartig, dass unser Stadtteil hilft, in diesen Zeiten, in denen viele Menschen von ihrem Zuhause fliehen mussten, mit nichts, als den Sachen, die sie am Körper tragen. Es wird warme Suppe gekocht, für die Flüchtlinge, die nach langer Odyssee hier ankommen – auf der Weiterreise gen Schweden, die umliegenden Hotels machen abwechselnd mit. Das Schauspielhaus, die naheliegende Moschee und die Kirchen bieten Schlafplätze und es gibt einen Bus, in dem Mütter in Ruhe ihre Kinder Stillen können. St. Georg hilft. Unser Dorf. Danke.

Zuhause

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Wir haben es tatsächlich getan: wir sind wieder zuhause, nach einem Jahr des Reisens. Ist das gut? Ist das schlecht? Noch ist es ein irreales, nicht greifbares Gefühlswirrwarr. Ich gebe zu, der Wechsel hätte  kaum markanter ausfallen können. Von der schwedischen Idylle direkt am Wald mit nur zwei Nachbarn zurück in die pulsierende Mitte Hamburgs. In unser Dorf direkt am Hauptbahnhof, mittiger geht es kaum.

Tochter 1 war ganz aufgeregt, endlich hatte sie ihre Freunde wieder, endlich ihr Spielzeug und endlich ist sie ein Vorschulkind.

Für Tochter 2 hingegen war Hamburg die ersten Tage wohl eher ein kleiner Kulturschock: in unserem schwedischen Domizil hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, allen vorbeifahrenden Autos zuzuwinken. Das waren am Tag vielleicht so drei, vier Stück. Zurück in Hamburg war sie nach wenigen Minuten der Verzweiflung nahe. Wie viele Autos kommen da denn noch? Nahe am Burnout hat sie das Winken hat sie mittlerweile aufgegeben. Dafür weiß sie den Weg zum Portugiesen mit dem leckeren Gebäck schon sehr genau.

Wir freuen uns, unsere Freunde und Nachbarn nach so langer Zeit wieder zu sehen, versuchen langsam dem Wäschenbergen Herr zu werden, wundern uns nach einem Jahr Minimalismus darüber, wie viele Sachen wir haben und genießen es, mal wieder im eigenen Bett zu schlafen. Und haben das Gefühl, doch gerade eben erst losgefahren zu sein. Kann es sein, dass ein Jahr so schnell vorbei ist? Es kribbelt schon wieder in den Beinen und man könnte doch nochmal, bevor Tochter 1 in die Schule kommt… Aber nein, jetzt sind wir erstmal zuhause. Auch schön.